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01.05.2000

[ Iris Reigl ]


Das Gute daran ?


Der Wert von Behindertenarbeit auf dem Prüfstand


Eine der ersten Reaktionen der neuen Regierung im Zusammenhang mit der Thematik "Behinderung", war die Aussage von Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein, Behindertenbetreuung sei nicht "marktfähig" und daher könne diese Arbeit problemlos auch von Langzeitarbeitslosen bewältigt werden. In dieser Aussage wurde die Arbeit mit behinderten Menschen gleichgesetzt mit Schneeräumung, Parkraumüberwachung und der Reinigung von Parkanlagen.

Was ist das Gute daran ?

Gut ist, daß dadurch die eigene Arbeit, die berufliche Identität, das Berufsfeld, und damit auch meine Person in Frage gestellt werden und ich dadurch aufgefordert bin nach Außen zu treten, mich zu äußern, mich auszusetzen.
Gut ist, daß wir (PädagogInnen, BehindertenpädagogInnen, u.ä.) dadurch dazu gezwungen sind die Debatte rund um Professionalisierung und Berufsbild voranzutreiben.

Seit Jahren wird der Mangel an Professionalisierung wissenschaftlich, aber auch von Seiten der Ausbildungsinstitutionen und Trägervereine beklagt. Der x-te Entwurf eines Berufsbildes verstaubt in den Schubladen. Ob die Gründe für die ausstehende öffentliche Anerkennung in der mangelnden Qualität der Entwürfe oder innerhalb interner ideologischer Grabenkämpfe zu suchen sind, sei dahingestellt. Das Bild nach außen ist eindeutig: nicht "marktfähig".

Gut ist, daß wir nun gezwungen sind uns mit der öffentlichen und politischen Einstellung bezüglich unserer Arbeit vermehrt auseinanderzusetzen.

Mit o.a. Aussagen wird deutlich, daß sich die öffentliche Einstellung gegenüber der Arbeit mit behinderten Menschen wenig verändert hat und wir es verabsäumt haben, ihren Wert im öffentlichen Bewußtsein zu verankern. So bleibt der Selbstwert und die berufliche Identität der in diesem Bereich Arbeitenden, und damit auch der der behinderten Menschen selbst fragwürdig:
Was ist unter fehlender Marktfähigkeit zu verstehen ? Diese Arbeit kostet nur, schafft keinen Mehrwert, sie ist eine ökonomische "Minusvariante"? Die Menschen mit denen gearbeitet wird, sogenannte behinderte Menschen, sind eine Last, vor allem eine finanzielle Last, sind selbst "Arbeitskräfte minderer Güte", "Ballastexistenzen", wertlos ? In der zynischen und gleichzeitig beklemmenden Gleichsetzung von Arbeit mit behinderten Menschen mit Schneeräumung, Parkraumüberwachung und der Reinigung von Parkanlagen kommt möglicherweise eine Haltung zum Ausdruck, die weit von den politischen Lippenbekenntnissen zu Integration und Gleichstellung entfernt ist. Wegräumen, entsorgen und säubern der Öffentlichkeit nicht nur von biologischem sondern von menschlichem Abfall ? Diese Fragen führen mehr oder weniger nahtlos zu jener alten, neuerlich aktuellen Debatte über den "Lebenswert" behinderter Menschen.

Gut ist somit also, daß wir dazu gezwungen sind, uns nicht nur vermehrt mit unserer eigenen Identität auseinanderzusetzen, sondern mit dem "Phänomen Behinderung" selbst, vor allem in seiner Eingebundenheit in den gesamtgesellschaftlichen und politischen Kontext.
Bei einer reinen Analyse können wir aber nicht stehen bleiben. Die Äußerungen von Bartenstein machen deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen zu dramatisch verändert haben, um sich nur noch mit der Frage zu beschäftigen, was falsch gelaufen ist. Die Arbeit mit sogenannten behinderten Menschen ist Arbeit an den
Menschenrechten und Arbeit an der Demokratie. Das muß jetzt offensiv deutlich gemacht werden, gemeinsam mit allen anderen Menschen die sich auch der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet fühlen.



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