Datum: 03.05.2012
Quelle: APA, wien.at, DöW
AutorIn: Redaktion

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Wien gedenkt im Mai mit drei Veranstaltungen der Opfer der NS-Euthanasie

Im Mai 2002, vor zehn Jahren, wurden sterbliche Überreste der Opfer der NS-Kindereuthanasie am Spiegelgrund im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Zentralfriedhof bestattet. Die kommenden Tage wird die Stadt Wien nützen, um erneut und weiterhin in würdiger Weise aller Opfer der NS-Medizin zu gedenken - in ihrer Gesamtheit und in ihrer Individualität. Dies erfolgt im Rahmen dreier Veranstaltungen, die sich mit den Folgen der NS-Medizinverbrechen in Wien auseinandersetzen. Alle Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes statt.

Drei Veranstaltungen zum Gedenken

1) Die Geschichte der Euthanasie im Nationalsozialismus und die Verantwortung für heutiges Handeln

Am Montag, den 7. Mai 2012 hält der deutsche Experte Michael Wunder im Rahmen der Wiener Vorlesungen einen Vortrag über "Die Geschichte der Euthanasie im Nationalsozialismus und die Verantwortung für heutiges Handeln".
- Zeit: Montag, 7. Mai 2012, 19 Uhr
- Ort: Gesellschaft der Ärzte, Billrothhaus, 9., Frankgasse 8

2) Bestattung von sterblichen Überresten von Opfern der NS-Medizin

Am darauffolgenden Mittwoch, den 9. Mai, findet am Ehrenhain des Zentralfriedhofs im Beisein von Bundespräsident Heinz Fischer, Bürgermeister Michael Häupl, Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely, Bildungsstadtrat Christian Oxonisch, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Dorothee Stapelfeldt, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, die Bestattung von sterblichen Überresten von Opfern der NS-Medizin in Wien statt.
- Zeit: 9. Mai 2012, 14:30-16:00 Uhr
- Ort: Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 40, 1110 Wien

3) Spiegelgrund-Überlebende erzählen

Am Montag, den 14. Mai, werden im Rahmen der Veranstaltung "Spiegelgrund-Überlebende erzählen" Videointerviews mit ZeitzeugInnen der Wiener Jugendfürsorge in der Gedenkstätte Steinhof im Otto-Wagner-Spital präsentiert.
- Zeit: Montag, 14. Mai 2012, 10:00 Uhr
- Ort: Otto-Wagner-Spital, V-Gebäude

NS-Medizinverbrechen in Wien und der Umgang damit nach 1945

Die Medizin übernahm im Nationalsozialismus eine neue und besonders menschenverachtende Aufgabe: die von den Nazis so genannte "Ausmerzung" von Menschen, die sie als "minderwertig" qualifizierten. Für Personen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, psychisch Kranke und Unangepasste war in der nationalsozialistischen Volks- und Leistungsgemeinschaft kein Platz. Sie wurden verfolgt, eingesperrt und der Vernichtung preisgegeben.

Das heutige Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe stand während der NS-Zeit im Brennpunkt der verschiedenen Tötungsaktionen des Regimes gegen PsychiatriepatientInnen und Menschen mit geistigen Behinderungen. Etwa 3.200 Menschen wurden in den Jahren 1940/41 im Rahmen der so genannten "Aktion T4" nach Schloss Hartheim in Oberösterreich deportiert und dort in der Gaskammer getötet. Nachdem aufgrund zahlreicher Proteste von Angehörigen und verschiedenen Institutionen diese verbrecherische Vernichtungsaktion Ende August 1941 offiziell gestoppt worden war, wurden die Ermordungen in die einzelnen Anstalten verlagert - "dezentralisiert".

Alleine für die Anstalt "Am Steinhof" ist in dieser Phase nach Schätzungen von ca. 3.500 zusätzlichen Todesfällen bis 1945 auszugehen. Systematische Vernachlässigung, Unter- und Mangelernährung, mangelnder Schutz vor Kälte sowie bewusst geförderte Infektionskrankheiten stellten die häufigsten Todesursachen dar.

In der Anstalt "Am Spiegelgrund" wurden außerdem 789 Kinder und Jugendliche umgebracht, die meisten davon als Opfer der so genannten "Kindereuthanasie". Von vielen der ermordeten Opfer wurden zur weiteren wissenschaftlichen Ausbeutung Präparate angefertigt, an denen bis weit in die Nachkriegszeit hinein ohne Bedenken wissenschaftlich-medizinisch geforscht wurde.

Aufarbeitung in den vergangenen Jahren

2002 wurden die Gehirnpräparate von über 400 in der NS-Zeit in der Klinik am Spiegelgrund ermordeten Kindern im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Zentralfriedhof bestattet. Seit 2006 hat die Stadt Wien zahlreiche Überlebende vom "Spiegelgrund" für deren wichtige Aufklärungs- und ZeitzeugInnenarbeit über die Gräueltaten des Nazi-Regimes mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat im Auftrag und in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 2008 die seit 2002 bestehende Ausstellung "Der Krieg gegen die 'Minderwertigen' - Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien" im Pavillon V des Otto-Wagner-Spitals neu gestaltet und erweitert. Die Ausstellung erläutert, beginnend mit der Vorgeschichte, die nationalsozialistischen Medizinverbrechen in Wien und thematisiert auch den Umgang mit diesen Verbrechen nach 1945.

In den letzten Jahren wurden im Zuge einer umfassenden Erhebung zu Relikten der NS-Geschichte in der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales der Stadt Wien weitere Unterlagen und histologisches Material von Opfern der NS-Psychiatrie aufgefunden und einer Sichtung und Aufarbeitung durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zugeführt. Unterlagen wie Fotos und Krankengeschichten wurden dem Wiener Stadt- und Landesarchiv übergeben, die histologischen und anatomischen Präparate werden nun bestattet.

Links

http://www.wien.gv.at/menschen-gesellschaft/bestattung.html

http://www.doew.at/

Gedruckt von: http://www.behindertenarbeit.at/bha/34717/volksanwaltschaft-bisher-rund-900-kontrollen-durch-kommissionen .
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