Datum: 01.08.2007
Quelle: Steirische Assistenzgenossenschaft
AutorIn: Mag.a Karin Kien

NewsPersönliche Assistenz

Selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz genossenschaftlich organisieren

In der Steiermark organisieren behinderte Menschen Ihre Persönliche Assistenz seit Kurzem auch in Form einer Genossenschaft.

Mag.a Karin Kien

Entstehungsgeschichte

Während meiner Diplomarbeit kam ich das erste Mal intensiver mit Persönlicher Assistenz in Berührung und wusste sogleich, dass ich in naher Zukunft auch mit Persönlicher Assistenz leben möchte. Nachdem ich mein Studium beendet hatte und auf Arbeitssuche war, hörte ich einen Vortrag von Frau Mag.a Brozek über die Wiener Assistenzgenossenschaft. Mir kam damals schon die Idee, dass es auch in der Steiermark möglich sein sollte eine solche zu gründen und Frau Mag.a Brozek bestärkte dies in ihrem Referat noch.

Es folgte ein Gespräch mit dem Behindertenanwalt des Landes Steiermark, Mag. Siegfried Suppan, dieser organisierte Ende Juni 2005 ein Treffen zwischen behinderten Menschen, welche mit Persönlicher Assistenz ein selbstbestimmtes Leben führen bzw. führen möchten. Bei dieser Zusammenkunft wurde die weitere Vorgehensweise erläutert bzw. diskutiert, wie die nächsten Schritte für eine Genossenschaftsgründung aussehen könnten. Zuerst wurden Kontakte mit dem Gründerzentrum, dem Land Steiermark, dem Genossenschaftsverband und anderen Sozialträgern aufgenommen.

Nach ersten Gesprächen war für uns ersichtlich, dass es ohne eine Trägerschaft und einen Finanz- und Businessplan schwierig sein würde, das Land Steiermark für unser Projekt zu gewinnen. Nach sehr zeitintensiven Monaten der Bedarfserhebung, dem Erstellen des Finanz- und Businessplanes und dem Finden der Führungskräfte stand einer Genossenschaftsgründung, die am 3. Oktober 2006 vollzogen wurde, nichts mehr im Wege.

Zusammenarbeit mit den Behörden

Das Land Steiermark steht dem Projekt zwar positiv und offen gegenüber, jedoch haben die Assistenzleistungen in der Steiermark zwar noch verschiedene Namen, aber trotz allem können wir sie als Persönliche Assistenz verwenden. Es gab immer wieder Diskussionen darüber ob das Personal geschult sein soll oder nicht. Doch laut unserer letzten Rückmeldung von der Steirischen Landesregierung muss der Assistent nur so geschult sein wie der Kunde es verlangt und dementsprechend kann der Kunde den Assistenten auch selber ausbilden. Nach weiteren Einigungsgesprächen, Ansuchen und Subventionsanträgen mit dem Land bekamen wir mit 1.1.2007 endlich die Betriebsbewilligungen für die Persönliche Assistenz bzw. alle Assistenzarten, die in der Steiermark üblich sind.

Zukunftsaussichten

Die Zukunftsaussichten der Persönlichen Assistenz hängen von verschiedenen Faktoren ab:

1. Ob die behinderten Menschen ihr Leben wieder selbstbestimmt in die Hand nehmen möchten.

2. Das Stundenkontingent, welches das Land bewilligt.

3. Mit den jetzigen Sozialausgaben ist die Behindertenbetreuung nicht mehr finanzierbar.

4. Aufgrund der immer höher werdenden und verschiedenen Behinderungen wird der Assistenzbedarf ständig steigen.

Zusammenfassend: Durch den hohen Bedarf an Assistenzstunden und dem Assistenten sind die Zukunftsaussichten dementsprechend positiv.

Philosophie

Die STAG möchte das selbstbestimmte Leben behinderter Menschen fördern bzw. die Möglichkeiten dafür auch bieten. Unter selbstbestimmten Leben verstehen wir, dass der Mensch mit Behinderung seine Kompetenzen wahrnehmen kann. Selbstbestimmt Leben bedeutet die Kontrolle über das eigene Leben in den täglichen Aktivitäten zu haben und Entscheidungen zu treffen. Die basiert auf der Auswahl von akzeptablen Alternativen - und das mit minimalster Unterstützung von anderen. Dazu zählen die eigenen Angelegenheiten zu managen, im täglichen Leben in der Gemeinde teilzunehmen, selbst Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, die zur Selbstbestimmung führen, eine Reihe von sozialen Rollen zu erfüllen und die körperliche und psychische Abhängigkeit zu minimieren.

Die sieben Prinzipien sind:

  1. "Selbstbestimmt-Leben" ist ein Prozess. Dabei wird das Selbstbewusstsein der Menschen mit Behinderung gehoben und Empowerment und Emanzipation gefördert. Der Prozess ermöglicht allen Menschen mit Behinderung gleiche Möglichkeiten und Rechte zu erlangen und volle Teilnahme in allen gesellschaftlichen Bereichen.
  2. Menschen mit Behinderung müssen diesen Prozess individuell und kollektiv kontrollieren und steuern können. Dazu sollen peer support angeboten und demokratische Prinzipien verwendet werden, um die Ziele zu erreichen.
  3. Als gleichberechtigte Bürger müssen Menschen mit Behinderung den selben Zugang zu den Grundstrukturen des Lebens haben, wie alle anderen Personen auch. Dazu zählen: Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Gesundheitswesen, Beratung, persönliche Hilfsdienste, Arbeit, Information, Kommunikation, Transport und der Zugang zur physischen und kulturellen Umwelt. Es geht auch um das gleiche Recht auf Sexualität, das Recht zu heiraten, Kinder zu haben und um das Recht auf Frieden.
  4. Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung muss eine beeinträchtigungsübergreifende Bewegung sein, welche die Anliegen aller Personen mit Behinderung vertreten muss. Um das zu erreichen, muss man sich von Vorurteilen gegenüber Menschen mit anderen Beeinträchtigungen als der eigenen lösen. Außerdem müssen auch Frauen mit Behinderung und andere unterrepräsentierte Gruppen ermutigt werden, sich einzubringen. Kinder mit Behinderung sollen durch die Eltern und die Gesellschaft zu unabhängigen Erwachsenen erzogen werden.
  5. Menschen mit Behinderung müssen alle Vorraussetzungen für Gleichberechtigung und volle Teilnahme erreichen, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und den Grad der KonsumentInnenkontrolle selbst definieren.
  6. Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung lehnt die Weiterentwicklung und Aufrechterhaltung von Systemen ab, welche wieder von Institutionen abhängig machen.
  7. Menschen mit Behinderung müssen sich in die Forschung, Entwicklung, Planung und die Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen, die ihr Leben betreffen, einmischen.

Notwendige Kompetenzen für ein Selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz

  • Anleitungskompetenz:
    KundInnen sagen wie die Assistenz zu verrichten ist. Sie lernen die AssistentInnen selbst für die benötigten Hilfeleistungen an. Sie wissen am besten, welche Assistenzleistungen sie in welchem Umfang benötigen. Sie sind Expertinnen in eigener Sachen.
  • Raumkompetenz:
    KundInnen bestimmen wo Assistenz erfolgt, an welchem Ort die Assistenz erbracht wird (z. B. in der eigenen Wohnung, am Urlaubsort, am Arbeitsplatz, bei Besuchen bei FreundInnen und Familienangehörigen).
  • Organisationskompetenz:
    KundInnen legen Zeiten fest wann Assistenz erfolgt, der Assistenzplan wird nach dem Tagesablauf und Lebensstil der KundInnen eingeteilt.
  • Personalkompetenz:
    KundInnen bestimmen wer Assistenz leistet, sie wählen AssistentInnen aus.
  • Finanzkompetenz:
    KundInnen bestimmen Zahlungsmodalitäten und kontrollieren die Verwendung der ihnen zustehenden Finanzmittel, wie z.B. Leistungen aus dem Bundespflegegeldgesetz.

Mag.a Karin Kien ist Vorstandsmitglied der Steirischen Assistenzgenossenschaft.

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