Neue Studie zu psychischer Gesundheit von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Psychische Gesundheit ist für Menschen mit und ohne Behinderung von großer Bedeutung. Dennoch zeigt eine aktuelle Studie der Universität Wien, dass die derzeit gültige Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Menschen mit Lernschwierigkeiten klar ausschließt. Im Rahmen eines inklusiven Forschungsprojekts wurde nun eine neue Definition erarbeitet.


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert psychische Gesundheit als einen „Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.” Demnach könnten Menschen mit Lernschwierigkeiten niemals psychisch gesund sein, da beispielsweise produktives Arbeiten oft gar nicht möglich ist. Es handelt sich hierbei um eine bedenkliche Lücke in der Theorie, die zu Benachteiligungen im Gesundheitssystem führt.

Dieser Problematik hat sich nun die Arbeitsgruppe “Intellektuelle Beeinträchtigung” rund um Elisabeth Zeilinger an der Universität Wien angenommen. Ziel war es, eine neue Definition von psychischer Gesundheit zu entwickeln, die Menschen mit Lernschwierigkeiten gerecht wird. Denn nur wenn es Wissen zu den Bedürfnissen von Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt, ist es möglich, passende Fördermaßnahmen oder präventive Angebote zu entwickeln.

Menschen mit Lernschwierigkeiten als Co-Forscher:innen

Eine Besonderheit der Studie war die durchgängige Einbindung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Forschungsprozess. Vier Co-Forscher:innen – zwei Frauen, zwei Männer aus verschiedenen Bundesländern – waren aktiv beteiligt. Als Expert:innen in eigener Sache gaben Sie Einblick in ihre Lebenswelt und unterstützten das Forscherinnenteam dabei, Interviewfragen zu testen, Fragebögen zu entwickeln, Materialien in Leichter Sprache zu verfassen oder Daten auszuwerten. Dabei bediente man sich unterschiedlicher Zugänge, wie beispielsweise der Arbeit mit Puzzleteilen, um Themen zu ordnen und zusammenzufassen.

Das Miteinander wurde von allen Beteiligten als Bereicherung erlebt. “Es ist von beiden Seiten aus wichtig, finde ich. Dass die Leute von der Uni gewisse Sachen von uns lernen und auch wir von ihnen. Und darum finde ich es sehr gut und wichtig, dass ein gegenseitiger Austausch stattfindet“, so ein Co-Forscher über den Arbeitsprozess. “Dass es verschiedene Zugänge gibt, etwas zu lösen, etwas herauszufinden”, empfand eine andere Teilnehmerin als besonders wertvoll.

Ergebnisse zeigen: Neue Definition von psychischer Gesundheit notwendig

Zentrale Fragen der Studie waren “Was ist wichtig für die psychische Gesundheit?” und “Wie kann man psychische Gesundheit verbessern?” Diese Fragen wurden sowohl von Expert:innen aus dem Gesundheitsbereich als auch von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Rahmen von Gruppen-Gesprächen bearbeitet. Dabei zeigte sich: Expert:innen legen einen stärkeren Fokus auf gesellschaftliche und politische Aspekte sowie Barrierefreiheit, während Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Freizeitaktivitäten und persönliche Kompetenzen als besonders wichtig erachten. Einig war man sich, dass Selbstbestimmung, die Wohnsituation, der Arbeitsplatz, soziale Kontakte und Emotionen für die psychische Gesundheit entscheidend sind.

Insgesamt wurde deutlich, dass psychische Gesundheit für Menschen mit Lernschwierigkeiten neu gedacht und definiert werden muss. „Produktives Arbeiten“ kann und darf hier keine Rolle spielen. Viel wichtiger ist es hingegen, den Fokus auf passende Unterstützung zu legen, ein gutes Wohn- und Arbeitsumfeld zu schaffen und Kommunikation und soziale Kontakte zu fördern.

Aufruf: Mithilfe bei Evaluierung der Studienergebnisse gesucht

Die Forschungs-Ergebnisse müssen nun überprüft und bewertet werden. Dazu bittet das Forscher:innenteam um Unterstützung: Personen, die mit Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten, sind aufgerufen, sich das verlinkte Video anzuschauen und im Anschluss einen kurzen Fragebogen auszufüllen (ca. 5 – 10 Minuten).

Menschen mit Lernschwierigkeiten waren bereits im Rahmen von Workshops und Interviews an der Evaluierung der Ergebnisse beteiligt. Gerne können das Video und die Broschüre mit Menschen mit Lernschwierigkeiten angesehen und besprochen werden.

Download

Broschüre „Psychische Gesundheit für Menschen mit Lernschwierigkeiten“ in Leichter Sprache (PDF)

Link

[univie.ac.at – Projekt: Psychische Gesundheit von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen]

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