Im Rahmen der Buch Wien 2025, die von 12.-16. November in der Messe Wien stattgefunden hat, präsentierte der Verein Ohrenschmaus in einer Lesung Texte, die bei einer Schreibwerkstatt am Lern- und Gedenkort Hartheim entstanden sind. Es ging darum zu zeigen, wie Literatur beim Erinnern helfen kann. Behindertenarbeit.at war mit dabei.
Schreibwerkstatt in Hartheim
Auf der Bühne wurden, moderiert von Günter Kaindlstorfer vom ORF, Einblicke in die Veranstaltungen der Schreibwerkstatt gegeben, bei denen gemeinsam Texte zu unterschiedlichen Themen geschrieben werden. Dabei ging es immer um unterschiedliche Themen, die davor gemeinsam bearbeitet werden, beispielsweise durch Führungen in Museen und Ähnlichem. Bis dato war es immer so, dass nur Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei waren. Das hat sich geändert: Seit 2025 darf jede:r mitschreiben.
Da sich heuer die Befreiung Österreichs und dadurch das Ende des nationalsozialistischen Horrors zum 80ten Mal jährt, wurde die Schreibwerkstatt am Lern- und Gedenkort Hartheim abgehalten. Die Teilnehmer:innen haben eine Führung durch die Gedenkstätte und dadurch durch die Geschichte des Ortes erhalten. In Schloss Hartheim wurden zwischen 1940 und 1944 rund 30000 Menschen ermordet, wobei es sich dabei einerseits um Personen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen, und andererseits um zivile Zwangsarbeiter:innen gehandelt hat.
Dem Verein Ohrenschmaus ist es wichtig, dass diese Geschehnisse nicht vergessen werden: Die verfassten Texte sind Teil einer wichtigen Erinnerungskultur. Normalerweise wird die Schreibphase nach den Führungen mit Musik eingeleitet – nicht so in Hartheim. Welche Musik wäre auch angebracht, an einem Ort wie diesem? Die Leitung der Schreibwerkstatt hat sich für sich daher für das einzig Geeignete entschieden: Stille. Nach stiller Bedenkzeit ist es dann mit dem Schreiben losgegangen: Die Teilnehmer:innen schreiben dabei an ihren eigenen Texten, stellen sich diese aber gegenseitig vor und geben einander Feedback.
„Ich fühle mich ausgeliefert“
Auf der Buchmesse trug eine Teilnehmerin der Schreibwerkstatt, die Aktivistin und Schriftstellerin Anna-Lina Ernstberger, mehrere in Hartheim entstandene Texte vor. Sie alle stellen unterschiedliche Reflexionen mit dem Thema des Nationalsozialismus und insbesondere dem Schloss Hartheim dar. Sie sollen Einblicke in die Gedanken derer geben, die im Hinblick auf den Nationalsozialismus oftmals vergessen werden, deren Geschichte aber nicht untergehen darf: Menschen mit Behinderungen.
Die Vorlesende schrieb in ihrem Text: „Ich fühle mich ruhelos. Ich fühle mich rastlos. Ich fühle mich zerrüttelt. Ich fühle mich ausgeliefert. Ich fühle mich den Tränen nahe und auch ein bisschen, ein kleinen bisschen stark. Ich fühle mich betäubt. Ich fühle mich schutzlos, wie ein Neugeborenes.“
In einem anderen Text heißt es: „Erinnern. Die Großmutter spielt als Mädchen in den Trümmern eines Krieges, an den sich die Erwachsenen nicht erinnern wollen. Zu frisch war das Grau, zu frisch das Leben der neuen Generation. Später hat die Großmutter gelernt, worüber niemand sprechen wollte – sie hat gelernt, warum niemand darüber sprechen wollte. Darum hat die Großmutter gelernt, mit ihren Kindern darüber zu sprechen – die Erinnerung an eine Zeit vor ihr zu teilen. Damit die Erinnerungen nicht nochmal zur Realität werden.“
Wie man lesen kann, liegt den Teilnehmer:innen der Schreibwerkstatt sowie dem Verein Ohrenschmaus viel daran, eine Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten, mit dem Ziel, die Vergangenheit nicht zu wiederholen. Doch funktioniert Erinnern? Reicht es aus, um die Gräueltaten der Vergangenheit in dieser zu lassen? Ein Sprecher auf der Bühne, der Schriftsteller und Juror des Literaturpreis Ohrenschmaus Ludwig Laher, beantwortet diese Frage und das Wort Erinnerung folgendermaßen: „Erinnerung ist wie ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt, aber es tut gut.“ Erinnern sei gerade in Zeiten wie diesen, wichtiger denn je.
Erinnern und Reflektieren
Mit dem Wort Erinnerung möchten wir auch unseren Bericht über die Lesung des Vereins Ohrenschmaus auf der Buch Wien beenden: Die Schreibwerkstatt und vor allem deren Teilnehmer:innen schaffen Erinnerungskultur. Sie teilen Reflexionen über Dinge, die manchmal zu kurz kommen – die jedoch nicht in Vergessenheit geraten dürfen.
Behindertenarbeit.at bedankt sich für euer Erinnern.
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AutorIn: Redaktion
Zuletzt aktualisiert am: 14.11.2025
Artikel-Kategorie(n): Eugenik und Menschenwürde, News
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