Das Parlament bekommt einen Award im Rahmen des Zero Project 2026. Nicht für ein mutiges Gesetz, nicht für ein Budgetwunder, sondern dafür, dass man Barrieren abgebaut hat. Warum das nicht so toll ist. Ein Kommentar von Thomas Stix.
Ein barrierefreies Parlament das alle Stückerln spielt! Klingt super… und ist es auch: Lifte, taktile Leitsysteme, Induktionsanlagen, Dolmetschung in Österreichischer Gebärdensprache, Führungen in einfacher bzw. leichter Sprache und Tastführungen sind keine Deko, sondern ganz reale Eintrittskarten in die Republik.
Und trotzdem hat die Verleihung des Awards einen bitteren Beigeschmack. Weil hier ein Preis an eine Institution geht, die genau dafür da ist, Grundrechte praktisch möglich zu machen. Artikel 9 UN‑BRK (Zugänglichkeit) ist kein „Nice to have“ fürs Besucher:innenzentrum, er ist Verpflichtung – genauso wie politische Teilhabe nach Artikel 29. Wenn man Pflicht mit Trophäe belohnt, fühlt sich das komisch an: Man feiert die Rampe wie eine Wohltat, statt sie als Normalzustand zu verbuchen.
In einer Presseaussendung liefert das Parlament die großen Linien („alle Bereiche zugänglich“, „Bürger:innen näher ans Parlament“), aber lässt die kleinteiligen Fragen offen, die in der Praxis entscheiden: Wer hat evaluiert? Nach welchen Kriterien? Wie wird barrierefreie Information im Alltag abgesichert, auch nach dem nächsten Webseiten‑Relaunch, der nächsten Budgetrunde, der nächsten Wahl? Dass das Zero Project sein Verfahren mit Peer‑Review und Fact‑Checking beschreibt, beruhigt ein Stück; es ersetzt aber keine öffentliche, institutionelle Rechenschaft darüber, wie Barrierefreiheit dauerhaft und in allen Lebensbereichen geschaffen und garantiert wird.
Und noch ein Fairness‑Punkt: 2023 gab es schon ein „Fair für alle“-Zertifikat. Das Preisregal ist also nicht leer. Gleichzeitig arbeiten unzählige Aktivist:innen und Selbstvertreter:innen ehrenamtlich. Sie testen, erklären, erinnern, nerven (im besten Sinn) und halten Institutionen überhaupt erst auf Kurs. Wenn Auszeichnungen wirklich „inklusive Demokratiebildung“ fördern sollen, dann gehört ein großer Teil davon dorthin, wo keine PR‑Abteilung mitschnittfähig ist: zur Graswurzel – dotiert, unbürokratisch, von Menschen mit Behinderungen selbst juriert.
Kurz: Gratulation, ja. Aber bitte ohne Selbstbeweihräucherung. Barrierefreiheit darf für die Österreichische Demokratie nicht der Zuckerguss sein. Sie ist der ganze Kuchen.
Thomas Stix