Menschen mit Behinderung erleben in Einrichtungen leider auch Gewalt. Dabei geht es nicht nur um einzelne Übergriffe. Auch Regeln, Abhängigkeiten und fehlende Mitbestimmung können Gewalt bedeuten. Die Agentur Sonnenklar setzt genau hier an, bei Gewaltprävention und Peer-Arbeit.
Menschen mit Behinderung, die in Einrichtungen leben oder arbeiten, befinden sich in starker Abhängigkeit zu den Betreuer:innen und Strukturen. Mitarbeiter:innen und Organisationen verfügen über viel Macht. Gewalt kann dabei körperlich, psychisch oder sexuell ausgeübt werden. Weniger offensichtlich ist die strukturelle Gewalt: starre Regeln, fehlende Privatsphäre, Fremdbestimmung oder Entscheidungen, bei denen die betroffenen Menschen nicht mitreden können.
Dass Gewalt in Einrichtungen ein reales Problem ist, zeigte auch die österreichische Studie „Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen“, die 2019 vom Sozialministerium veröffentlicht wurde (eine Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in leichter Sprache folgte 2025). Befragt wurden dabei 376 behinderte Menschen, ein großer Teil davon war in betreutem Wohnen oder in einer Tagesstruktur. Die Untersuchung zeigte eine hohe Gewaltbetroffenheit.
Um Gewalt zu verhindern, muss man sie zunächst erkennen und benennen können. Betreuer:innen müssen sensibilisiert und geschult werden, aber genauso wichtig ist es, Menschen mit Behinderung selbst verständlich zu machen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist und ein Bewusstsein für nicht tolerierbares Verhalten zu schaffen. Menschen die jahrelang in Einrichtungen sind, ist oftmals gar nicht bewusst, was Gewalt ist und dass sie (struktureller) Gewalt ausgesetzt sind. Sie trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen oder haben keine richtige Ansprechstelle.
Projekt Sonnenklar setzt auf Peer-Arbeit

Genau hier setzt die Agentur Sonnenklar – Drehscheibe Peer-Streitschlichtung an. Das Projekt entstand 2019 im Rahmen der „Wiener Wege zur Inklusion“ des Fonds Soziales Wien und feiert 2026 sein siebenjähriges Bestehen. Bei Sonnenklar arbeiten Menschen mit Behinderung als Peers. Ein Schwerpunkt ist die Peer-Streitschlichtung: Ausgebildete Peer-Streitschlichter:innen unterstützen andere Menschen mit Behinderung dabei, Konflikte zu lösen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Prävention von struktureller Gewalt, also diese zu verhindern schon bevor sie entsteht. Gemeinsam mit behinderten Menschen, Betreuer:innen und Leitungspersonen werden Regeln und Abläufe in Einrichtungen hinterfragt. Wo entstehen Abhängigkeiten? Welche Regeln schränken unnötig ein? Und wo können Menschen mehr selbst entscheiden?
Seit dem Start haben laut Sonnenklar mehr als 4.200 Menschen an den Angeboten teilgenommen. Entstanden sind außerdem Materialien in einfacher Sprache, darunter das Handbuch „Gemeinsam hinschauen – Wie können wir Gewalt durch Regeln verhindern?“. Gemeinsam mit dem Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen wurde 2026 auch ein E-Learning zu institutioneller Gewalt entwickelt.
Fazit
Gewaltprävention kann nicht nur bedeuten, nach einem Übergriff zu reagieren. Sie muss dort beginnen, wo Regeln gemacht, Entscheidungen getroffen und Macht verteilt wird. Peer-Arbeit ist dabei besonders wichtig: Menschen mit Behinderung werden nicht nur geschützt oder betreut, sondern gestalten selbst mit. Denn wer Gewalt in Einrichtungen verhindern will, muss vor allem jene Menschen ernst nehmen, die dort leben und arbeiten.
Quellen
APA OTS | equalizent Schulungs- und BeratungsGmbH | 29.09.2026
7 Jahre Sonnenklar: Von einer Idee zum Leuchtturmprojekt für Gewaltprävention und Peer-Arbeit
Sozialministerium | Letzte Aktualisierung: 29. Jänner 2025
Behinderung und Gewalt – Informationen zur Studie „Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen“
Download Studie
Studie „Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen“ (PDF)
Download Forschungsergebnisse der Studie „Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen“ in leichter Sprache
Forschungsergebnisse LL Gewalt an Menschen mit Behinderung (PDF)
agentur-sonnenklar.at | Handbuch „Gemeinsam hinschauen – Wie können wir Gewalt durch Regeln verhindern?“
Handbuch Gemeinsam hinschauen



