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Datum: 17.11.2013

Aufregung um Spendenspot 2013 – Propagiert "Licht ins Dunkel" medizinisches Modell von Behinderung?

Erst ein paar Tage alt, erregt der neue Generalspot der Kampagne „Licht ins Dunkel“ 2013/2014 die Gemüter. In facebook und anderen Foren sind teils hitzige Debatten um den Inhalt des Spots entbrannt.

Im Internet brodelt es. Es regt sich Ärger in der österreichischen Behindertenbewegung. Grund dafür ist der erst kürzlich in den Medien erschienene Haupt-Werbefilm der diesjährigen „Licht ins Dunkel“-Spendenkampagne des ORF. Einige Diskussionsbeiträge z.B.:

„Unerträglich, dieser Spot!“

„Dieser Spot ist einfach behinderten Menschen gegenüber diskriminierend.“

„Was in weiterer Konsequenz mitschwingt: nur eine heilbare Behinderung ist akzeptabel.“

Was ist da passiert, was ist da dieses Mal (wieder) falsch gelaufen?, stellt sich die Frage. Nun, der Inhalt des Spots sei hier kurz beschrieben.

Den behinderten Buben gesund machen

Eine Gruppe Buben (ca. 10 Jahre alt) treffen sich im Park, einer davon ist Rollstuhlfahrer. Sie reden davon, was sie einmal werden wollen. Der Bub im Rollstuhl sagt, er wolle Fußballspieler werden. Der nächste sagt, er wolle Nervendoktor, Knochendoktor, Muskeldoktor und Gehirndoktor werden… ein anderer fragt ihn „Warum?“, und er antwortet: „Damit mein Bruder, der Lukas, Fußballspieler werden kann.“ Als abschließender Slogan steht geschrieben: „Damit niemand seinen Weg alleine gehen muss.“

Sujet bedient Defizit-orientierte Sichtweise von Behinderung

Der auf den ersten Blick vielleicht harmlos wirkende Werbespot hat es jedoch bei genauerer Betrachtung in sich. Behinderung wird hier nämlich als Defizit nach dem medizinischen Modell dargestellt. Daraus ergibt sich die Aufgabe sowohl für die behinderte Person (der Rollstuhlfahrer) als auch für die Gesellschaft (der Arzt), die so definierte Behinderung mit Therapien, Operationen etc. zu eliminieren. Erst danach wäre Selbstverwirklichung und Glücklichsein möglich.

Paradigmenwechsel seit den 1980er-Jahren

Das medizinische Modell prägte bis in die 1980er-Jahre das Verständnis von Behinderung. Ausgehend von einer stärker werdenden Selbstbestimmt-Leben-Bewegung vollzieht sich seitdem ein Paradigmenwechsel hin zum sozialen Modell von Behinderung, bei dem Behinderung nicht als Defizit an der Person sondern als Benachteiligung des Menschen mit Beeinträchtigung durch die Umwelt (Barrieren…) und durch Mitmenschen (Diskriminierung…) verstanden wird. Verkürzt gesagt: Menschen sind nicht behindert, Menschen werden behindert.

Volker Schönwiese dazu in seinem Vortrag „Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe: Von der Rehabilitation zu Selbstbestimmung und Chancengleichheit“ (bidok, 2009):

Ab der Mitte der 80er-Jahre wandelt sich das Leitbild in der Behindertenhilfe in Richtung Selbstbestimmung und Chancengleichheit. Selbsthilfegruppen von behinderten Personen übten heftige Kritik an den Institutionen der Behindertenhilfe, forderten De-Institutionalisierung, Selbstbestimmung und die Beendigung von Diskriminierungen.

Dorothea Brozek beschreibt den Kernpunkt des sozialen Modells sehr treffend in einem Interview mit FREAK Radio (BIZEPS, Jänner 2006):

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und die Vertreter und Vertreterinnen dieser Bewegung fordern und sehen Behinderung im Sozialen Modell, im sozialen Kontext. Das heißt, es ist nicht grundsätzlich die Behinderung, die uns behindert, sondern es sind immer die Rahmenbedingungen, die letztlich zu einer Behinderung führen! Und diese sind von Menschen gemacht und veränderbar und deswegen so hochpolitisch.

Die Präambel der UN-Behindertenrechtskonvention versteht Behinderung ebenfalls im Sinne des sozialen Modells:

e) in der Erkenntnis, […] dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern,…

Spendenaktion für Behinderte noch zeitgemäß?

Der „Licht ins Dunkel“-Spot ist wieder ein großer Rückschritt in Sachen zeitgemäßer Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien. Es ist also höchst an der Zeit, die Sinnhaftigkeit dieser Spendenaktion zu hinterfragen. Mit solchen Bildern, die gegen den Paradigmenwechsel arbeiten, entsteht für behinderte Menschen langfristig nämlich mehr Schaden als der Nutzen des gesammelten Geldes bringen kann.

Fazit

Ein resignierter Diskussionsteilnehmer im Internet bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

„Ich fürchte, sie [die „Licht ins Dunkel“-MacherInnen, Anm. d. Red.] werden es nie verstehen. Durch diese Zeit müssen wir jedes Jahr.“


AutorIn: Redaktion
Zuletzt aktualisiert am: 16.06.2017
Artikel-Kategorie(n): Gleichstellung und Antidiskriminierung, News
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