Datum: 17.03.2014

Behinderte Menschen in die Wirtschaft – und zwar als Unternehmer!

Thomas Stix (c) behindertenarbeit.at

Thomas Stix (c) behindertenarbeit.at

UnternehmerInnen mit Behinderung sind sehr selten vorzufinden. Obwohl etliche Kompetenzen, die zur Leitung eines Betriebes benötigt werden, für behinderte Menschen geradezu selbstverständlich sind. Eine logische Konsequenz wäre es, das Unternehmertum behinderter Menschen mehr zu fördern…

Immer und immer wieder hören wir, dass die Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt sehr, sehr wichtig ist, und dass alles mögliche dafür getan werden müsse, Arbeitsplätze für Behinderte zu schaffen. Und wir haben in den letzten Jahren so vieles gesehen, was UnternehmerInnen den/die behinderte/n ArbeitnehmerIn schmackhaft machen soll: angefangen von Arbeitsintegrationsprojekten, Arbeitsassistenzen, Lohnzuschüssen, über Informationskampagnen, Enqueten, Tagungen bis hin zu Kündigungsschutz-Abschaffung und Inklusiven Jobbörsen…

Anscheinend hat das alles nicht viel gebracht. Jetzt will man zu drastischeren Maßnahmen greifen (siehe Artikel vom 17.03.2014) und die Daumenschrauben für Wirtschaftstreibende anziehen: Ausgleichstaxe rauf; Mindestanzahl der Beschäftigten, ab der Behinderte eingestellt werden müssen, runter!

Ich kann jetzt auch kein Patentrezept zur Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit unter behinderten Menschen anbieten, aber ich möchte auf einen Aspekt hinweisen, der in dieser Sache kaum beachtet wird: der/die UnternehmerIn mit Behinderung.

Arbeitseinteilung. Eine Behinderung bringt es oftmals mit sich, dass die Arbeit durch Pausen unterbrochen werden muss, die zahlreicher und länger sind als üblicherweise. Als UnternehmerIn bzw. Selbständige/r habe ich die Möglichkeit, mir meine Pausen und meinen Arbeitsrhythmus flexibel und genau auf meine Bedürfnisse angelegt einzuteilen.

Organisationstalent. Wer mit einer Behinderung lebt, der weiß, wie scheinbar einfache Dinge zu komplexen Herausforderungen werden können, da unsere Welt halt so ist wie sie ist – sprich: größtenteils nicht barrierefrei. Darum ist es notwendig, Vorhaben genau zu planen (noch dazu, wenn Assistenz im Spiel ist) und Eventualitäten vorherzusehen.

Umgang mit Zahlen und Tabellen. Pflegegeld, Assistenzbudget, Einkommen, Verwendungsnachweis, Stundenkontingente, Monataufstellung, Assistenzplan…  Klingt trocken? Für behinderte Menschen, die selbstbestimmt leben (dürfen), sind diese Begriffe tägliches Brot. Hilfreich auch für die Leitung eines wirtschaftlichen Betriebes.

Kreativität. Behinderte Menschen sind im Laufe ihres Lebens – von Klein an – mit allerhand Herausforderungen konfrontiert und müssen lernen, kreative Lösungen für die ihnen im Wege stehenden Probleme zu finden. Da hilft oft kein Jammern, da muss man sich was einfallen lassen um weiterzukommen.

Die Liste ließe sich wahrscheinlich noch weiter führen… Was ich einfach darstellen möchte, ist, dass einerseits behinderte Menschen aus ihrer Lebensrealität heraus verschiedene Kompetenzen entwickeln (müssen), die im Unternehmertum nützlich sind, und andererseits die flexiblere Arbeitsgestaltung bei einer Selbständigen Tätigkeit der Behinderung entgegenkommen kann.

Ich plädiere daher dafür, unternehmerische Anstrengungen von behinderten Menschen mehr zu fördern als bisher. Im Vergleich zu den Förderungen im Bereich der Eingliederung in den Arbeitsmarkt führen die Bemühungen, behinderte Menschen zu UnternehmerInnen zu machen, leider ein Schattendasein.

UN-Behindertenrechtskonvention
Artikel 27: Arbeit und Beschäftigung

[…] Die Vertragsstaaten sichern und fördern die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit, einschließlich für Menschen, die während der Beschäftigung eine Behinderung erwerben, durch geeignete Schritte, einschließlich des Erlasses von Rechtsvorschriften, um unter anderem
[…]
f) Möglichkeiten für Selbständigkeit, Unternehmertum, die Bildung von Genossenschaften und die Gründung eines eigenen Geschäfts zu fördern;
[…]


AutorIn: Thomas Stix
Zuletzt aktualisiert am: 16.06.2017
Artikel-Kategorie(n): Kommentare, News
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